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VON OTTO TRAMER
Die Johannesgemeinde hatte kürzlich doppelten Anlass, Rückschau zu
halten. Zum einen die Goldene Konfirmation am Himmelfahrtstag, als von
den 160 im Jahr 1954 Konfirmierten 52 (darunter ein Gast aus den USA)
zum Wiedersehen in ihre frühere Gemeinde kamen. Zum anderen drei Tage
später der neunzigste Geburtstag des früheren Seelsorgers Hans Orth,
dem eine ansehnliche Schar ihm über Jahrzehnte hinweg nach wie vor
eng verbundener Johannesgemeindler im Heimathaus des Hessischen
Diakonie-Vereins in der
Freiligrathstraße gratulierte.
Im Februar 1949 hat Orth, der gegen Endes des Vorjahres erst aus
französischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, den Dienst in der
Johannesgemeinde aufgenommen als Amtsbruder des seit 1934 amtierenden
Pfarrers Weinberger und des seit 1948 zu dessen Unterstützung tätigen
Pfarrers Hans-Werner Jaeschke.
Von 1949 bis Ende 1966 betreute Orth den Nordbezirk der Gemeinde. Er
war ein „Pfarrer zum Anfassen“, wie ihn das übervölkerte Stadtviertel
nötig hatte, in das die Einwohner nach Kriegsende und
Zusammenbruch nahezu aller Bereiche des täglichen Lebens in der
Hoffnung zurückkehrten, hier wieder ihre äußere wie auch ihre innere
Heimat zu finden. Die Johanneskirche, das Gemeindehaus und eines der
Pfarrhäuser waren zerstört; die Gottesdienste fanden seit Ostern 1945
in der Kapelle des Altenheims jenseits der Gemeindegrenzen statt; die
Gemeindekreise mussten sich erst langsam wieder sammeln und hatten
dafür lediglich die Räume des Kindergartens in der Pallaswiesenstraße
42 und die Wohnung der Pfarrgehilfin Elisabeth Roth zur Verfügung.
In dieser Zeit des alleingemeinen Neubeginns kam Pfarrer Orth und
machte sich mit seinen Amtsbrüdern daran, die Gemeinde innerlich wie
äußerlich wieder aufzubauen. 1949 war das Gemeindehaus im ersten Bauabschnitt
fertig gestellt, ab 1952 konnte die Johanneskirche wieder benutzt werden,
ab 1958 stand das auf dem früheren Zimmerplatz Wöhrn errichtete
Wittenberg-Haus zur Verfügung. Orth hat der Johannesgemeinde nicht nur
als Seelsorger und Prediger des Evangeliums gedient, sondern seine
Kraft auch als Baumeister eingesetzt. Oft gab es die bange Sorge, er
könnte den Belastungen einer solchen Mehrfachtätigkeit nicht gewachsen
sein.
Im Spätsommer 1966 sprach sich im Nordviertel herum, dass Orth wohl seine
Zelte in der Johannesgemeinde würde abbrechen müssen, weil die
Kirchenleitung ihn zur Dienstleistung beim Hessischen Diakonie-Verein
zu berufen gedachte. Ab 1. Oktober wurde er einstweilen beurlaubt, ab
1. Januar 1967 war er dann neuer Leiter des Diakonie-Vereins als
Nachfolger des in den Ruhestand versetzten Pfarrers Paul Guyot.
Als Hans Orth jetzt zum sechsten Mal an der Goldenen Konfirmation
eines von ihm eingesegneten Jahrgangs teilnahm, wurde über die große
Zeitdistanz hinweg deutlich, dass immer noch gilt, was der ehemalige
stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands Georg Brust zur
Verabschiedung Orths im Kirchenblatt „Das Evangelische Darmstadt“
geschrieben hatte: „Es gibt ein Wort, das für Sie, ihre Familie und
für manchen in der Gemeinde bedeutungsvoll geworden ist: Siehe, ich
habe Dir geboten, dass Du getrost und freudig seiest.“ |